Wieso Frauen und Männer anders auf Stress reagieren?

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Zeig doch mal Empathie, du Arsch!

Es soll ja schon vorgekommen sein, dass sich Paare streiten oder diskutieren heftig. Nicht nur Paare, Frauen & Männer ganz allgemein. Ob unter Freunden oder unter Arbeitskollegen. Nicht immer und häufig genug lassen wir es zu, dass uns in diesen Situationen Emotionen beherrschen. Fiese, kleine Kerlchen wie Angst, Wut oder Trauer. Diese Emotionen haben eine besondere Stärke. Sie schaffen es hervorragend, dass wir den Kopf ausschalten und richtig abdrehen können. Und natürlich steigt in diesen Situationen unser Thermometer an. Es wird heiß in Sachen Stress. Hier sind wir voll drinnen und erfreuen uns an den üblichen Stress-Mustern. Frönen und suhlen uns in Flucht, Kampf und Totstellen. Für Empathie scheint da kein Platz.

Als Empathie versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft die Werte, Denkmuster und Motive einer anderen Person zu begreifen und zu verstehen. Ebenso gehört dazu auch ein entsprechender Umgang mit den genannten Bereichen bei der anderen Person.

Studien haben herausgefunden…

Einmal mehr ist zu diesem Themenbereich auch wieder geforscht worden. Und zwar an der Universität Wien von einem Forschungsteam. Als Ausgangslage orientierte sich die Studie an den bereits bekannten Stressreaktionen. Den drei biologisch in uns verankerten Mustern Flucht, Kampf und Totstellen. Sie stellen sich als eine Art Notfall-Programm dar, auf dass der Körper oder das menschliche System im Stressfall zurückgreifen können. Vor allem dienen sie dazu sich auf das wesentliche zu konzentrieren, nämlich den oder die mit der da gerade so gestresst gestritten wird. Es ist also anzunehmen, dass im Fall von Stress die Empathie bei den Probanden sinken wird. Denn wer sich zum Kampf wappnet oder wegrennen will, hat ja sicherlich keine Lust noch über die Standpunkte des Gegenübers zu diskutieren. Vor 5.000 Jahren hatte der Bär auf der anderen Seite meistens Hunger und schlechte Laune. Viel mit diskutieren war da nicht.

Um die Probanden in eine richtige Stresssituation zu versetzen ließ man sie vor einer Jury einen fünf minutigen freien Vortrag halten. Dieser wurde gefilmt und auch bewertet. Wer jetzt schon beim Lesen leichte Anflüge von Stress verspürt, kann sich vorstellen wie das den 40 Frauen und 40 Männern ergangen sein muss, die sich für die Studie zur Verfügung gestellt haben. Gerade wenn man hier unerfahren ist, dann ist das öffentliche Sprechen schon ein ziemlicher Stressor. Hiermit lassen sich gute Effekte erzielen. Neben Pulswert ermittelte man auch den Wert des Cortisols im Speichel und konnte so dann relativ leicht feststellen, wie hoch der Stresslevel eigentlich war.

Im zweiten Teil der Studie versetzte man die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zusätzlich auch noch in eine grundsätzlich negative Stimmung und ließ sie dann anhand von Fotos die Emotionen anderer Menschen einschätzen. Interessanterweise förderte die Studie zu Tage, dass es fast immer die Männer sind, bei denen die Empathie im Fall von Stress abnimmt. Die Herren waren weitaus weniger in der Lage die Emotionen der Personen auf den gezeigten Fotos richtig oder überhaupt einzuschätzen.

Immer sind es die Hormone

Bei Frauen nimmt sie hingegen nur noch zu. Großartig natürlich, wenn es zum oben beschriebenen Diskurs der Geschlechter kommt und man sich dann auf einem völlig unterschiedlichen Level begegnet. Geradezu fantastisch auch, wenn man irgendeine Art von Einigung erzielen möchte. Wieso ist das so? Und ist das nicht auch wieder viel eher eine Chance, denn ein Hindernis? Hilft es persönlichen Beziehungen nicht eher, wenn es unterschiedliche Level an Empathie gibt? Und überhaupt stellt sich die Frage, ob man das jetzt auf alle Frauen und Männer so einfach übertragen kann.

Zunächst einmal zur Erklärung, die die Forscher für dieses Verhalten gefunden haben. Natürlich sind es mal wieder die Hormone. Wer soll es auch sonst sein? In diesem Fall verweisen sie auf das Hormon Oxytocin. Massiv wird es bei der Geburt und dem Einsetzen der Wehen ausgeschüttet. Doch auch insgesamt beeinflusst es soziale Interaktionen ganz allgemein. Vor allem steigert es jedoch die Empathie. Denken wir das einmal weiter, so erscheint der ganze Vorgang doch recht logisch zu sein. Ein Hormon, dass die Frau bei der Einleitung einer Geburt unterstützt, ist für den Mann oder evolutionär gesehen, den Krieger, nicht von Interesse. Er braucht die Gabe der Empathie schlichtweg nicht, wenn es Stress empfindet.

Der ein oder die andere werden jetzt vielleicht für sich feststellen, dass es eine solche Studie nicht zwingend gebraucht hätte. Schließlich lässt sich dies ja beobachten, wenn man mal so alltäglich in die Welt schaut und von einer Beobachter-Position auf Menschen schaut, die gerade Stress empfinden. Zumindest mir geht es so und mir geht es oft genug so, dass ich in den Fight-or-flight Modus schalte, wo andere viel eher nach einem Kompromiss suchen und Vorschläge machen. Ich bemerke bei Frauen hier in der Tat eine deutlich höhere Bereitschaft zur Diskussion und zur Auseinandersetzung mit Argumenten.

Civilized to Death

So logisch die Erklärung der Wiener Forscher und Forscherin doch erscheint, so sehr stellt sich mir dann doch die Frage, ob es nicht viel eher die geschlechtsspezifischen Rollenbilder sind, die da zum Ausdruck kommen und die sich auch in unser zu Tode zivilisierten Gesellschaft auch weiterhin halten. Auf der einen Seite die treu sorgende Frau und Mutter, die Werte und Normen an den Nachwuchs weitergibt und auf der anderen Seite der Krieger und Jäger, der es sich gar nicht leisten kann, dass er Empathie zeigt. Wer erfolgreich sein möchte als Mann, hat also vielleicht gar keine Wahl als dann eben keine Empathie zu zeigen? Auf die bahnende Wirkung von Studien, die bereits ihr gewünschtes Ergebnis im Forschungsantrag stehen haben und somit auf eine Förderung hoffen können, will ich jetzt gar nicht weiter eingehen.

Interessanterweise gibt es eine weitere Studie zur Empathie. Sie wurde an der University of Oregon durchgeführt. Einerseits entkräften die beiden Wissenschaftlerinnen Kristi Klein und Sarah Hodges die mangelnde Empathie unter Stress bei Männern, andererseits steigt bei Männern dann der Empathie-Level, wenn man sie mit Punkten oder Geld dafür belohnt. Also, wenn ein kleiner sportlicher Wettkampf dahinter steckt und die Empathie entsprechend belohnt wird. Wie schon weiter oben festgestellt, lohnt es sich für den Mann sonst auch einfach gar nicht in einem besonderen Maß in einer stressigen Situation wirklich empathisch zu sein.

Photocredits
Titelbild – Ryan McGuire (imcreator.com)

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