Wie funktioniert eigentlich Stress?

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Stress kennen – Stress lieben?

Mal ehrlich jetzt. Eigentlich lieben wir alle den Stress doch schon längst. Es gibt doch einfach nichts schöneres, als der Welt zu zeigen, wie viel Stress man eigentlich jetzt schon hat und wie schwer es ist sich mal im vollgepackten Kalender auf einen Termin zu treffen. Ich meine wer kennt das nicht, wenn man dann um 23 Uhr Abends nach dem ganzen Stress wieder zu sich kommt und feststellt, dass die Geschäfte ja schon zu haben und der Terminkalender immer noch zugewuchert ist. Oft genug ist Stress ein bewusst eingesetzten Mittel, um zu demonstrieren wie beschäftigt oder wie sozial gefragt man eigentlich ist.

Doch was ist Stress denn nun eigentlich? Wie funktioniert Stress in unserem inneren System und wie können wir Stress vielleicht als wichtige Ressource nutzbar machen? Wir sind also durchaus gerne dazu bereit den berühmten Schwanzvergleich heranzuziehen, wenn es darum geht den Grad der Beschäftigung oder den sozialen Status nach außen hin zu demonstrieren.

Stressarten

Zunächst einmal geht der schon so hart und gezischt klingende Laut auf das lateinische stringere zurück. Anspannen heißt es wörtlich und auch bei uns spannt etwas, vielleicht zieht es auch oder drückt so leicht hämmernd und pochend gegen den Kopf. Kein angenehmes Wörtchen, auch kein besonders wünschenswertes Gefühl. Grundsätzlich unterscheidet die Forschung zwischen Eustress und Disstress. Beides ebenfalls Begriffe, die nicht angenehm über den Mund gehen.

Zwei unterschiedliche Geschwister

Dennoch billigt man dem Eustress zu, dass er sog. positiver Stress sei. Dann nämlich, wenn ich weiß wie ich den Stress-Verursacher bei den Hörnern packen kann, um mich meiner Aufgabe stellen zu können. Um ein Hindernis also mit positivem Stress begegnen zu können, sollte ich den Umfang der Arbeit kennen und mir meiner Fähigkeiten und Kompetenzen bewusst sein, wenn ich das Problem lösen möchte. Auch sollte ich in der Lage sein, Abläufe zu priorisieren. Dazu sollte ich wissen an wen ich mich wenden kann, wenn ich alleine nicht mehr weiterkomme. Schon hier können wir feststellen, dass es sich um Punkte handelt, die wir tatsächlich relativ leicht erlernen können. Somit bekommen wir diese Dinge leicht in die Umsetzung. Häufig handelt es sich auch um bereits bekannte Themen. Also um wiederholtes. Zu kleinen Stress-Ehrenrunden kommt es dennoch, versprochen.

Anders gestaltet sich die Sache dann beim buckligen, kleinen Bruder. Dieser nennt sich Disstress und er ist wie schon zu erwarten das hässliche Kind der Familie. Hier kehren sich die eben noch positiv hervorgehobenen Eigenschaften mit einem mal ins negative um. Das Hindernis wird plötzlich unüberwindbar und groß zum inneren Kilimanjaro und vor lauter Berg gerät der Gipfel aus dem Blick. Nicht nur, dass mit das Schmuddelkind die Sicht versperrt, auch meiner Werkzeuge hat es sich bedient und jetzt sitze ich hier im Berg alleine und voller Sorge und weiß nicht mehr weiter. Denn auch meine Kompetenz Hilfe anzufragen ist mir gänzlich abhanden gekommen.

Die Urzeit-Biologie hinter Stress

Flucht, Kampf oder Totstellen

Würde ich versuchen dies in Gefühle zu übersetzen – und das tue ich jetzt einfach mal – dann nehme ich den Eustress als ausdehnend und weit wahr. Der Disstress hingegen zieht sich zusammen und nistet sich irgendwo im Hals ein, wo er mir die Luft zum atmen nehmen kann. Oder um es einmal anders zu beschreiben: Das menschliche System reagiert auf zu großen Stress durch eine Fokussierung auf das Problem. Alles im Menschen konzentriert sich mit der kompletten Wahrnehmung auf das sich stellende Hindernis. Und natürlich verliere ich dabei viele meiner Kompetenzen nicht und ich weiß dennoch nicht, welche Fähigkeiten ich eigentlich habe.

Der Grund hierfür ist einmal mehr unser Gehirn. Denn es ist alt und es mag alte Muster. Es greift hier auf Zeiten zurück, in denen Stress noch etwas anderes war, als das Lieblings-Müsli, das gerade einmal ausverkauft ist oder ein zu schwaches Wifi-Signal. Stress bedeutete für uns Menschen im größten Teil unserer Geschichte nämlich richtig auf die Fresse zu bekommen und mindestens einmal das eigene Leben zu riskieren. Hierfür stellte uns das Gehirn einen Notfall-Plan zur Verfügung und bombardierte die vom Jagen und nomadenhaften Leben gestählten Muskeln mit einem Cocktail, der Lance Armstrong glücklich gemacht hätte.

Adrenalin und Cortisol

Zunächst einmal Adrenalin. Das bringt den Körper auf Touren. Es beschleunigt den Herzschlag, erhöht den Blutdruck und steigert die Muskelaktivität. Also alles was es jetzt braucht, um sich einer Gefahr zu stellen. Gleichzeitig sinken Darmaktivität und der Sexualantrieb. Übrigens ein bis heute “nettes” Beiwerk von zu viel Stress. Gewichtszunahme und keine Lust auf Sex. Auch die Schmerzempfindlichkeit sinkt ab. Die nützt natürlich gar nichts, wenn wir uns zum Kampf stellen. Das tolle System schießt dann nach etwas zehn Minuten Cortisol nach, um das Level an Adrenalin auf einem guten Level zu halten. Es gleichzeitig nicht zu hoch steigen zu lassen. Schon ein Wunderwerk dieser Körper. Außerdem erhöht es die Aufmerksamkeit.

Flucht, Kampf, Totstellen

Mit dem nun zur Verfügung gestellten Notfall-Plan ist es dem menschlichen Körper möglich auf drei verschiedene Arten zur Stressreaktion zu Kommen. Flucht, Kampf oder Totstellen. Je nach Tier oder Gefahrensituation kann sich eine der Reaktionen als eher unklug herausstellen. Die menschliche Evolution ist auch deshalb eine solche Erfolgsgeschichte, weil diejenigen, die falsch reagierten warnende Beispiele wurden und so Fehler machten, die andere dann nicht wiederholten. Nun brauchen wir heutzutage in einer Stresssituation keine der hier angebotenen Fähigkeiten noch wirklich. Und dennoch stehen sie zur Verfügung und werden auch dankbar genutzt.

Lass uns Kämpfen...

Geraten wir also in eine stressige Situation werden wir uns eines dieser Muster bedienen und entsprechend reagieren. Da Stress fast immer auf menschliche Interaktion zurückgeht bedeutet dies nichts anderes als Kampf dem Gegenüber, Flucht vor dem Gegenüber oder Starre. Er oder Sie werden mich schon nicht sehen. Wirklich problematisch wird es dann, wenn die hier beschriebenen Muster von einer Momentaufnahme zu einem Dauerzustand werden. Permanente Alarmbereitschaft, Bluthochdruck und keine Lust auf Sex? Wer will das schon?

Resilienz als Antwort

Flexbilisiere dich für mehr Resilienz

Aus dieser Beschreibung ergibt sich dann natürlich die Frage, ob es dann nicht sinnvoll wäre alle diese Situationen, die Stress hervorrufen können, grundsätzlich zu vermeiden? Das ist sicherlich ein spannender Ansatz, möglicherweise auch ein ziemlich langweiliger. Ein Ansatz, der uns als soziales Wesen kaum weiterbringen wird. In meinen Augen ist das Gegenteil anzustreben. Hohe und kurze Stressbelastungen mit ausgedehnten Erholungsphasen. Das kennen wir, denn beim Sport machen wir das auch nicht anders. Wie reizen einen Muskel, überreizen ihn auch und bringen ihn dann in der Ruhephase zum Wachstum. Die Hantel, die uns hierbei weiterhelfen kann und wird nennt sich Resilienz.

Schon wieder so ein Wörtchen, dass nicht wirklich gut über die Lippen geht. Und eine brauchbare und nachplapperbare Definition gibt es leider auch keine. Und doch ist die Widerstandsfähigkeit eine Schlüsselkompetenz, die Dir und auch mir dabei weiterhilft mit Stress umzugehen. Das tolle ist, dass man Resilienz lernen und auch trainieren kann. Ich selbst habe das bei Sebastian Mauritz an der Resilienz-Akademie getan und freue mich die dort erlernten Dinge auch weiterzugeben.

Wie das geht und wie das aussehen kann, soll hier auf diesem Blog nach und nach vorgestellt werden. Ich möchte unterschiedliche Komponenten vorstellen, beleuchten und Euch zeigen, wie auch ihr eure Fähigkeiten für einen guten Stress-Umgang Stück für Stück ausbauen könnt.

Und auch hier sei mir der Hinweis gestattet. Ehrenrunden garantiert. 😉

Photocredits
Titelbild – Joshua Earle; Bär – Thomas Lefevre; Boxer – Ryan Tang; Yoga – Aral Tasher (unsplash.com)

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